Durch die Nacht

Weil ich zu geizig war, eines dieser teuren Lehrbücher zu kaufen, bin ich heute in die Albertina, die altehrwürdige Bibliothek der Universität Leipzig gegangen. Das Buch, das ich suchte war: „Angst: Ein interdisziplinäres Handbuch“, ein Parforceritt durch Philosophie, Anthropologie, Wirtschaft, Psychologie, und Literatur, so dicht geschrieben, dass ich für je zehn Seiten eine Stunde brauchte und wenn ich überhaupt irgendetwas verstanden habe, dann, dass das Thema noch viel mehr Raum greift, als angenommen.

Ich habe einige Begriffe mitgeschrieben, die im Zusammenhang mit Angst auftauchten und die untenstehende Auswahl vermittelt vielleicht einen Eindruck, wie sehr das Thema ausufert:

 

Angst – Lachen

Angst – Ohnmacht

Angst – Fremd

Angst – Staunen

Angst – Phantasie

Angst – Atom

Angst – Verzweiflung

Angst – Freiheit

Angst – Unruhe

Angst – Panik

Angst – Anthrax

Als es schon dunkel war, durch den stillen Park nach Hause gelaufen und meinen Agentur-Kollegen Erdmann Wingert angerufen. Zu meinen bisherigen Blogeinträgen hatte er mir gestern folgende Sätze gemailt: „da sucht  Inhalt nach  Form und zerstreut sich in Form interessanter Häppchen im Abseits. Konkret, Du brauchst eine Handlung, die sich nicht in Zufallsbegegnungen erschöpft, sondern eine stringente Linie verfolgt.”

Patsch, voll rein in die Angst der letzten Tage, die Angst, dass das hier nicht funktioniert; und dann ausgerechnet von Erdmann, der Boxen in dunklen Hinterzimmern lernte („Erst erleben, dann drüber schreiben!“), unter der späteren RAF-Frontfrau Ulrike Meinhof für das Magazin Konkret berichtete, mit den Naturschützern von Robin Wood Schornsteine erstürmte und später Textchef beim Zeit Magazin wurde, bevor er mit seiner Pensionierung vor, ich glaube, 25 Jahren zur Agentur kam, um selbst aus den holprigsten Absatzfolgen Texte zu schleifen, die schon mal geschmeidig-kompakt daherkommen, wie kalte Jade.

Am Telefon akzeptierte er in seiner versöhnlichen Art dann jedoch meine Einwände, dass da noch mehr journalistische Fleißarbeit, weniger Nabelschau kommen soll.

Als erstes will ich versuchen, den Herausgeber des Angst-Handbuchs Lars Koch auf einen Spaziergang zu treffen, er lebt ausgerechnet in Dresden.

Der Mann, dem ich vor zwei Wochen drauf gefahren bin, lebt ebenfalls in Dresden. Er wurde in Italien geboren, seine Frau in Polen. Ich fragte, wie er die Stadt fände. Er, gestanden-modischer Mittelklasse-Mittfünfziger, war plötzlich unsicher, sagte: „Naja, geht so. Sie wissen ja, was da in letzter Zeit los ist.“

Dass Rassismus in Dresden grassiert, überrascht ja keinen mehr. Letztens noch einen Bericht über eine Kopftuchträgerin gelesen, in dem stand:

„Einmal habe ein etwa elfjähriger Junge sie gefragt, ob sie Auschwitz kenne. „Als ich das bejahte, sagte er nur: ‚Du wirst dort enden.’“

Was aus der Frau wurde, stand da nicht. Aber, dass der Hass auch schon Italiener und Polen verunsichert, hätte ich nicht gedacht. Deswegen soll das auch Teil dieser Recherche sein: Menschen treffen, die den Trump-Schock kennen, weil sie schon lange in einem Klima der Angst leben.

Eben dann noch lange mit meiner Mitbewohnerin Debo in der Küche unterhalten und sie meinte zu recht: „Die Albertina ist ein völlig angstfreier Ort.“ Tatsächlich bewegt man sich dort völlig frei, schlendert, guckt, versinkt im Buch, sieht kein Links, kein Rechts. Wahrscheinlich deshalb, weil unsereins die kulturellen Codes dort zu hundert Prozent kennt, nichts Fremdes stört. Das mag für einen Erstsemester nicht gelten, galt für mich früher auch nicht. Aber seitdem spüre ich Angst, dieses „durchbohrende“ „frei flutende“ (Handbuch der Angst!) Gefühl, dort nicht mehr.

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