Einen auf den Schreck

Gestern, kurz nachdem ich fertig mit dem Schreiben war, kam Thomas vorbei, um einen Schnaps zu trinken. Einen auf den Schreck. Von Thomas hatte ich das Auto geliehen.

Auf zwei Whiskeys kamen drei Wodka. Das war 18 Uhr. Um Mitternacht waren die jeweils halb vollen Flaschen fast leer. Um 6 Uhr morgens stand ich in einer goldenen Pailletten-Hose an einer Bar.

Jemand fragte: „Warum zitterst du so?“ Weil ich seit zwölf Stunden trinke, sagte ich, und schob es  vor allem auf das Bier, das ich mir gerade bestellt hatte. Bis jetzt war ich – zwecks Kater-Prophylaxe – bei Schnaps geblieben und bestellte mir dann auch wieder Wodka, weil ich das für das beste Mittel gegen das Zittern hielt. Heute ist die Wahrnehmung wieder normal, der Schreck weg. Ob er wiederkommt?

Nachtrag: In einem Buch über die Generation Y lese ich gerade zufällig unter der Überschrift „Wenn die Stressabwehr versagt“:

„Aggression und die Flucht aus der Verantwortung sind zwei Reaktionen, wenn die Stressabwehr versagt.“ Irgendwo stand auch was mit Flatrate-Trinken – mh, surprise!

Und weiter: „Angriffe nach außen, körperliche, verbale und/oder psychische Schwächung, Demütigung oder Verletzung anderer Menschen als Antwort etwa auf wiederholtes Versagen in der Schule kennt auch die Generation Y. Sie sind auch für sie Ersatzhandlungen für ein Gefühl der Dominanz, das durch das Scheitern eigentlich verloren ist – vor allem, wenn es für alle öffentlich sichtbar wird. Deshalb verschaffen sich vor allem junge Leute mit niedrigem sozialen Status in der Schule und unter Gleichaltrigen so Entlastung und Ausgleich.“

Alles kein neuer Gedanke, wie das Buch ja richtig zugibt, aber wenn man den Autoren glaubt, ist die Generation Y schulisch auf Leistung gedrillt, wie keine zuvor. Uns wird eingebläut: schlechte Noten, kein Job, denn schon für die Lehre zum Fleischfachverkäufer braucht’s Abitur.

Das würde auch erklären, warum die AfD unter jungen Wählern so beliebt ist und warum in Mecklenburg-Vorpommern  bei der Landtagswahl 2011 jede/r Dritte unter 34 Jahren mit Hauptschulabschluss die NPD wählte.

Ich hab mir nach dem Unfall einen reingestellt und diese beiden Texte geschrieben und die Welt scheint wieder in Ordnung zu kommen. Aber das war ja auch nur ein einziger Unfall in einunddreißig Jahren. Sind AfD & Co gerade für jene Ypsiloner interessant, denen seit Jahren einer in die Parade fährt, die im neoliberalen Hochleistungsspiel versagen und das auf Facebook, Snapchat, Instagramm täglich gespiegelt bekommen, dient das Anti-Establishment-Getöse der Rechtspopulisten als stellvertretende „verbale und/oder psychische Schwächung, Demütigung oder Verletzung anderer Menschen“?

Ein Kommentar

  1. Danke schön für deinen nützlichen Artikel.

    Ich bin bereits seit Längerem ein stiller Leser.
    Und jetzt musste mich mal einen kurzen Kommentar schreiben und ein „Danke“ hinterlassen.

    Mache genauso weiter, freue mich schon auf die nächsten Beiträge

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