Selbstmord aus Angst vor dem Tod

In Stuttgart gestern Abend mit einer Sozialarbeiterin auf ein Glas Wein getroffen. Als sie auf Toilette ging, zog ich mein Handy aus der Tasche, um irgendwas nachzuschauen und sah die Eilmeldung aufleuchten: „LKW rast in Weihnachtsmarkt.“

Ich drückte die Nachricht mit aller Gewalt aus meinen Gedanken, wollte mir nicht schon wieder einen Abend versauen lassen. In Berlin gibt es sowieso zu viele Reporter, niemand würde mich hinschicken, also kann ich jetzt nichts machen, muss mich nicht damit beschäftigen.

Trotzdem: Die Worte meiner Gesprächspartnerin drangen zwar an mein Ohr und ich nickte, doch immer wieder wurden sie von den Gedanken in meinem Kopf übertönt. Weißwein und Obstler regelten sie runter.

Heute Morgen in der U-Bahnstation bemerke ich wieder die veränderte Wahrnehmung: Ein Mann mit dunklen Haaren und Fusselbart kommt auf mich zu, ich gucke, wie lang seine Hose ist, ob es die salafistischen sieben Achtel sind.

Was den Schreck über den Anschlag dann verstärkte waren nicht die grausigen Details, die die Newsticker verbreiteten, sondern was den Schreck seitdem ins Mark treibt, ihm diesen dunklen Schleier verpasst, der ihn unheimlicher, unbegreiflicher, größer macht, sind drei offizielle Verlautbarungen, die meiner Phantasie so viel mehr Futter geben, als die Bilder des verwüsteten Weihnachtsmarkts:

Auf einer großen Anzeigentafel in der Nähe des Tatorts und auf Twitter schreibt die Polizei: „Bleiben Sie zuhause und verbreiten Sie keine Gerüchte.“

Der Vorsitzende der Innenministerkonferenz, Klaus Bouillon (CDU), spricht nach dem mutmaßlichen Anschlag in Berlin von einem „Kriegszustand“. Der saarländische Innenminister sagte am Dienstag dem Saarländischen Rundfunk: „Wir müssen konstatieren, wir sind in einem Kriegszustand, obwohl das einige Leute, die immer nur das Gute sehen, nicht sehen möchten.“

Today there were terror attacks in Turkey, Switzerland and Germany – and it is only getting worse. The civilized world must change thinking! @realdonaldtrump

Was ist das: Orwell, Orwell und Orwell?

Erst mal dieser Big Brother-Duktus der Berliner Polizei, den man sich einfach mal laut vorlesen muss: „Bleiben Sie zuhause und verbreiten Sie keine Gerüchte.“

Dann die Verdrehung von Gut und Böse bei Bouillon, der den Krieg ausruft, also eifrig Erfüllungsgehilfe spielt für die kriegträumenden Dschihadisten und dann allen Dummheit vorwirft, die für Versöhunung arbeiten.

Und zuletzt Trump, der das Paradox auf die Spitze treibt und die „zivilisierte Welt“ auffordert unzivilisiert zu handeln, um die unzivilisierte Welt zu besiegen. Kann Selbstmord tatsächlich die Antwort auf Angst vor dem Tod sein?

 

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