Silvester

An Silvester machte die Albertina nicht auf, weswegen ich das Handbuch der Angst nicht zu Ende lesen konnte. Stattdessen blätterte ich in Georg Büchners Briefen von 1834-35, die schienen wie ein ewiges Protokoll von politischen Verhaftungen seiner Freunde.

Dann Rainer Maria Rilkes „Die Aufzeichnunge des Malte Laurids Brigge“ zur Hand genommen. Auch dies ein Buch, das für die Angst einer unübersichtlichen Epoche steht. Schlimme Stelle, als der Vater des Erzählers im Sterben liegt, aber nicht loslassen kann, stattdessen so laut schreit und schreit und schreit, dass die Leute im Dorf nicht schlafen können, der Bauer der kalbenden Kuh ihr Junges samt Gedärme rausreißt. So schlimm wie damals, dachte ich, ist es wohl heute noch nicht. Zumindest ist die Literatur weniger düster.

Abends dann zum Bahnhof gelaufen, um nach Berlin zu fahren. Die ersten Böllerexplosionen zerrissen die Nacht und ich musste an die syrischen Flüchtlinge denken, die das an ihre Heimat erinnert, an die syrischen Kinder, die sich jetzt in ihren Traumata winden, die Bilder zerfetzter Geschwister vor Augen. Ist es also doch schon so schlimm, dachte ich weiter, leben wir Deutschen bloß auf einer Insel der Glückseligen, während anderswo die Büchners und Rilkes längst die Zeit vermessen?

Aber vielleicht ist Silvester tatsächlich immer auch eine Chance, neu anzufangen, zumindest war ich die vergangenen Tages erstaunlich unbeschwert, was auch mit dem Silvesterabend selbst zu tun haben kann.

In Berlin mit alten Freunden Raclette gegessen. Leo, der Kumpel, der mich am Trump-Wahlwochenende besuchte und am Morgen der Wahl lachend in mein Zimmer stürzte, war auch da und wir hatten uns seit der Wahl nicht mehr gesehen.

Als er mich besuchen kam, hatte ich mich auf ein entspanntes Wochenende gefreut, normalerweise lachen er und ich ununterbrochen zusammen, doch stattdessen führten wir schmerzhafte Diskussionen über Politik. Leo hatte sich in den vergangenen ein, zwei Jahren viel mit sich selbst, weniger mit dem Außen auseinandergesetzt. Ich fühlte mich in meiner politischen Verzweiflung unverstanden und wurde sauer, argumentierte, dass wir Verantwortung übernehmen müssen, dass man sich einbringen muss, um das Schlimmste zu verhindern. Doch wir kamen auf keinen gemeinsamen Nenner und ich fühlte, dass Politik unsere Freundschaft entzweit. Später begriff ich, dass meine Wut unfair war, dass ich niemandem meine Lebensweise aufdrängen kann.

Am Silvesterabend standen er und ich einige Minuten allein in der Küche und sprachen zum ersten Mal seit dem Wochenende miteinander. Er erzählte mir, dass er sich als Genosse bei der GLS-Bank eingekauft habe, bei Greenpeace-Energy und dass er in einer solidarischen Landwirtschaftsgruppe mitarbeiten werde. Es seien auch unsere Gespräche in Leipzig gewesen, die in ihm den Impuls weckten, sich wieder mehr zu engagieren.

 

 

Um Mitternacht standen wir auf der Dachterrasse, lachten und duckten uns unter den explodierenden Raketen weg. Als es ruhiger wurde, sagte Suri, ein anderer Kumpel, dass er bis jetzt immer auf unsere politische Institutionen – selbst die Polizei! – vertraute, dass sie schon dafür sorgen würden, dass sich unsere Gesellschaft grob in die richtige Richtung entwickelt. Mittlerweile fühlt er sich bedroht und will sich engagieren. Er weiß nur noch nicht wo.

Aber mir geben die Gespräche ein bisschen Hoffnung für 2017. Vielleicht kommen wir ja auf die Füße. Kämpfen statt fliehen.

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