Tag 36: Petra sagt Ja


Sie geht nicht wählen, aber schreibt engagierte Leserbriefe, ihr bester Freund ist Moslem, aber sie marschiert bei Neonazi-Protesten mit – von einer, die Fragen hatte und bei den Rechten landete, ohne rechts zu werden.

1. Mai: Tausend Rechtsradikale marschieren durch das sächsische Plauen, auf ihren T-Shirts steht „Arbeit adelt“ und „Für einen nationalen Sozialismus“, auf den Fahnen der Name ihrer Partei: III. Weg. Als die Polizei ihnen den Weg versperrt, nehmen die Rechten ihre Fahnenstangen und prügeln damit auf die Polizisten ein, ein Nazi schlägt mit einem Stativ eine junge Gegendemonstrantin bewusstlos.

Irgendwo in dem langen Zug der Nazis läuft Petra T. Die 27-Jährige ist aus Oberbayern mit dem Auto angereist, weil sie Angst um ihr Kind hat. Es ist ihre erste Nazidemo, ein Freund aus Schulzeiten hat ihr einen Flyer in die Hand gedrückt.

Drei Tage nach der Demo liest sie meinen Artikel über die Demo. Jemand hat ihn in die Facebook-Gruppe „SCHEINSTAAT BRD weg!“ gepostet. Der Freund hatte Petra der Gruppe hinzugefügt, sie solle „sich mal umschauen und selbst eine Meinung bilden.“

Auf der Demo erlebte sie die Nazis anders als ich, als „freundlich“ und verfasste deshalb eine Replik, einen Kommentar aus ihrer Perspektive: „Ich bin geschützt von meinen Kameraden…“ „…niemand saniert die Häuser, die seit hunderten Jahren hier stehen, Familien ein- und aus gehen sahen, beide Weltkriege miterlebt haben.“ „…es ist gut, was wir tun, es ist richtig.“

Ein paar Tage später treffen wir sie in einem Café in Simbach am Inn an der österreichischen Grenze, um sie zu fragen, warum sie demonstrieren geht. Statt einer straffen Ideologin erleben wir eine junge Frau, die selbst nach Antworten sucht.

Vor dem Treffen versuchen Fotograf Thomas und ich, uns einen Reim auf unsere Gesprächspartnerin zu machen. Der einzige Anhaltspunkt, den wir haben, ist ihr Facebook-Profil: unschuldige Selfies und Hundebilder auf ihrer Timeline, dazu die Gruppen, bei denen sie Mitglied ist: „SCHARIA NEIN DANKE“, „SCHEINSTAAT BRD weg!“, „BMW Fans + Handel“. Der Nachbarort von Simbach am Inn ist Braunau – Adolf Hitlers Geburtsort.

Wir diskutieren mehrfach, ob es gefährlich ist, hinzufahren. Warum sollten uns dort nicht ein paar Nazis auflauern? Oder die Reifen zerstechen, während wir im Café sind?

Zögerlich tritt unsere Gesprächspartnerin dann ins Café, streckt ihre Hand aus und sagt mit unsicherer Stimme: „Hallo, ich bin Petra.“ Das Treffen ist keine Falle. Petra ist einfach verzweifelt, wütend darüber, wie es in Deutschland zugeht. Und so wie sie die Demokratie versteht, geht man in so einem Fall demonstrieren oder spricht mit der Presse.

„Mit 13 oder 14 Jahren hatte ich das erste Mal das Gefühl, dass in Deutschland etwas falsch läuft. Meine Oma erzählte mir, wie viel Rente sie bekommt. Sie arbeitete ihr Leben lang sechs Tage die Woche, erst in einer Schuh-, später in einer Schokoladenfabrik. Jetzt bekommt sie monatlich 600 Euro“, sagt Petra. „Und dann erzählte sie mir, wie viel ein Politiker bekommt.“

Petra wuchs auf einem Vierseitenhof auf. Ihr Vater ist LKW-Fahrer, ihre Mutter Hausfrau. Sie selbst ging zur Real- danach zur Kinderpflegeschule. Doch das reichte ihr nicht, sie wollte Grundschullehrerin werden, fing an zu studieren. Um Geld zu verdienen arbeitete sie in einer Großbäckerei für sechs Euro die Stunde. Nach zwei Jahren brach sie ab, finanziell haute es nicht hin.

Heute arbeitet sie in der Grundschule als Erzieherin, kümmert sich um Kinder mit Behinderungen und

Der Inn zwischen Simbach (DTL) und Braunau (AUT).
Der Inn zwischen Simbach und Braunau

Flüchtlingskinder. Vor einem halben Jahr bekam sie mit ihrem italienischen Ex-Freund einen Sohn. Und dass es der Staat ihr nicht ermöglicht, ihn aufwachsen zu sehen, treibt sie auf die Straße.

„Ich finde, dass es am besten ist, wenn Mutter und Kind eine starke Bindung haben. Und dafür sollten sie doch die ersten zwei bis drei Jahre zusammen sein“, sagt sie. „Aber nach einem Jahr Elternzeit muss ich wieder arbeiten gehen und das Kind in die Krippe.“

Sie wohnt zusammen mit ihren Eltern und zwei Großmüttern. Doch weil auch ihre Eltern Geldsorgen haben, arbeitet die Mutter nebenher als Pflegekraft und kann das Kind nicht immer nehmen. „Das war der ausschlaggebende Punkt, diesen radikalen Schritt zu gehen, auf einer Demo mitzugehen“, sagt sie. „Ich habe mich da auch unwohl gefühlt.“

In ihrer Gegend, sagt sie, gäbe es keine anderen Gruppen, denen man sich anschließen könne. Die Linke sei zu schwach, die Gewerkschafter „Dampfplauderer“, die AfD unterstützte Atomkraft, das lehnt sie ab. Sie fuhr dann nach Plauen, „weil doch am Arbeiterkampftag die Arbeiter gegen die Regierung kämpfen. Dass die vom III. Weg den Flüchtlingen die Schuld an allem geben, ist natürlich dumm.“

Dass Petra nichts gegen Flüchtlinge und Migranten hat, nehme ich ihr ab. Als sie von den Geschichten der Flüchtlingskinder in ihrer Klasse erzählt, steigen ihr Tränen in die Augen. „Wenn in meinem Land Krieg wäre, würde ich ja auch fliehen“, sagt sie. In der Vergangenheit hat sie Leserbriefe an die Neue Passauer Presse geschrieben und darin Flüchtlinge in Schutz genommen, aber die wurden nie gedruckt.

Landschaft in Oberbayern
Landschaft in Oberbayern

Und auch sonst weiß sie sich nicht zu helfen in dieser unübersichtlichen Welt. Sie ist nie verreist, weil sie ihre Heimat und ihre Familie so liebt. In der Demokratie werde immer so viel gestritten und die Ungerechtigkeit nehme zu. „Uli Hoeneß ist das beste Beispiel. Der hinterzieht Millionen und kriegt so eine niedrige Strafe.“

Eigentlich – denke ich – ist Petra eine gute Bürgerin. Sie engagiert sich in der Flüchtlingshilfe, schreibt Leserbriefe, geht demonstrieren. Warum läuft sie aber beim III. Weg mit, dieser Gruppe die radikaler ist als selbst die NPD?

„Weil das nicht alles Nazis sind“, sagt sie. Da seien ja auch Ausländer dabei. Und ihr Kumpel vom III. Weg sieht vieles wie sie, auch wenn er Hitlers Geburtstag feiert und sagt, dass es den Holocaust nie gegeben hat. Dass er den Judenmord leugnet sei natürlich Quatsch, sagt sie, aber es gäbe halt keine Anderen, die sich trauen, etwas zu sagen. Und irgendwas müsse man doch machen, dass die Regierung mal merkt, dass einem da was nicht passt.

In manchen ihrer Sätze klingen die Informationen durch, die sie aus den rechten Facebook-Gruppen bekommt, in die ihr Kumpel sie einlädt. Dann aber fragt sie mich, was ich von der Behauptung halte, dass Deutschland von den USA regiert werde – eine typisch rechte Verschwörungstheorie. Sie stellt sich diese Fragen wirklich, will verstehen was los ist, will sich einbringen in der Demokratie. Und deshalb ging sie zur Demo am 1. Mai und würde auch wieder hingehen.

„Aber das sind stramme Nazis!“, versuche ich es noch mal.

„Ja“, sagt sie.

 

Nachtrag: Nach Erscheinen des Artikels bekam unsere Gesprächspartnerin Nachrichten, in denen sie unter anderem als ‚Nazimissgeburt‘ beschimpft wurde. Wir haben deshalb ihr Foto entfernt und ihren Namen geändert.

4 Kommentare

  1. Sehr interessantes Interview, überhaupt finde ich das ganze Projekt aufschlussreich. Hab’s heute durch Facebook entdeckt. Super Arbeit, macht weiter so!

  2. Hallo Herr Thelen,
    mit großem Interesse las ich über Ihre Recherchen in Aue und Umgebung. Seit 1990 verfolge ich die Entwicklung in diesem Landstrich und in Sachsen Im Jahr 2015 ist mein Buch erschienen „Wenn der Wind sich dreht – die Macht der Scheinheiligen“. Dort habe ich nachgewiesen, dass die CDU für nazifreundliche Klima verantwortlich ist. Ich frage mich natürlich auch, welchen Anteil haben die sächsische Staatsregierung und die Kirchen im Kirchenstaat Sachsen an Pegida?

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