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Sächsische Mehrheiten


Aus Angst vor Nazischlägern war ich aus Aue geflohen und als ich zurückkehre, ist die Angst wieder da: „Wir können Sie nicht auf der Straße interviewen“, sagt der MDR-Reporter zu mir. „Die Stadtverwaltung hat uns gewarnt, dass sie nicht für unsere Sicherheit garantieren kann.“

Ich wurde nach Aue ins Rathaus eingeladen, um bei einer öffentlichen Diskussion über die Neue Normalität und rechtes Gedankengut zu sprechen. Weißhaarige Männer werden mich beschimpfen, Nazis vor der Türe lauern. Aber als ich später wegfahre, spüre ich dennoch Hoffnung. Weiterlesen

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Tag 42: Spaß in der Stadt

Gut laufen würde es in Coswig und anderswo in Sachsen, stand in der Email, und: Kommt doch mal vorbei. Wir verbrachten einen Tag in dem Ort bei Dresden und lernten, warum mancherorts die Stimmung kippt – oder auch nicht. Weiterlesen

Tag 41: Rote Linien

Wir trafen Jürgen Schulz, Kreisvorstand der Dresdner AfD, einen bedächtigen Ingenieur, höflich im Umgang, klar in der Sache. Er wäre nicht glücklich damit, sagte er im Vorgespräch, dass sich die Klimaskeptiker auf dem Parteitag der Alternative für Deutschland in Stuttgart durchgesetzt hätten. Eine rote Linie sei das für ihn jedoch nicht, so einen Parteibeschluss müsse man akzeptieren.

Im Interview versuchte ich rauszufinden, was denn dann seine roten Linien sind. Gefunden habe ich keine.

Dresden County 010

Graffiti in Simbach am Inn

Tag 36: Petra sagt Ja


Sie geht nicht wählen, aber schreibt engagierte Leserbriefe, ihr bester Freund ist Moslem, aber sie marschiert bei Neonazi-Protesten mit – von einer, die Fragen hatte und bei den Rechten landete, ohne rechts zu werden. Weiterlesen

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Tag 24: Hauen in Plauen

Als ich die Halle des Leipziger Bahnhofs betrete, schallt von irgendwoher ein Schrei, verstärkt durch ein Megafon: „Lügenpresse!“. Ich gucke mich um, niemand. Eine Freundin hatte mich gewarnt, allein im Zug zur Neonazi-Demo in Plauen zu fahren. Es sei zu gefährlich. Ich hielt das für Paranoia. Doch tatsächlich: Als ich auf das Gleis trete, stehen vor mir vierzig Rechte, schwarz gekleidet, Bierflasche, einer hält das Megafon in der Hand. Weiterlesen

Offen reden wollte der Vermieter mit uns. Seinen Namen und sein Foto wollte er nicht veröffentlicht sehen.

Tag 15: Schmerzhafte Einschnitte

Er besitzt zwei Häuser, zwei Autos, seine Tage verbringt er mit Rasenmähen zwischen den Kirschbäumen seines Gartens – aber die Flüchtlinge bekommen so viel, dass den Deutschen nichts bleibt. Als der Vermieter unserer Ferienwohnung rauskriegt, dass wir Journalisten sind, will er ein Bier mit uns trinken. Und während wir auf der Terrasse sitzen und die Sonne hinter dem nahen Waldstück untergeht, zerbröselt unsere These, dass Rassismus immer etwas mit Armut und Perspektivlosigkeit zu tun hat. (646 Wörter) Weiterlesen

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Tag 14: Niemand fiel ins Bergfreie

Die Wende traf Hoyerswerda hart, zehntausende Menschen verloren ihre Jobs, fast jede Familie war betroffen, viele mussten in den Westen gehen. Diese Geschichten zu hören, hatten wir erwartet. Dass es aber ganz gut abgefedert wurde, letztlich halb so schlimm war, diese Einschätzung überraschte uns. Wir hatten tiefere seelische Verletzungen erwartet. Erwartet hatten wir auch, dass es Nazis gibt. Was uns überraschte, war der schulterzuckende Umgang damit. (960 Wörter) Weiterlesen

Hoy for Life

Hoy_Kleingarten

Tag 13: Frische Blumen nur auf dem Friedhof

„Willkommen in Hoyerswerda“, schrieb der SPIEGEL 1991, „willkommen in einem bösartigen, häßlichen, dumpfen Alltag, der bösartige, häßliche, dumpfe Menschen stanzt.“ Wende, Pogrom, Depression, Hoyerswerda – der Name dieser kleinen Stadt in der Lausitz klingt bis heute wie eine der Brandflaschen, die Nazis auf die Flüchtlingsunterkunft schleuderten ­– erst zerbricht das Glas, dann lodern die Flammen, dann bleibt nichts als Kohlereste. Hier würden wir das Wende-Trauma finden, dachten Thomas und ich, die große sächsische Verunsicherung, die Ursprünge des rechten Straßenmobs. Wir haben uns geirrt. (1052 Wörter) Weiterlesen

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Tag 11: Verdammt verführbar

Ein frischer Morgen dämmert vor dem Amtsgericht Dresden heran, von der nahen Elbe bläst ein Wind durch die Straße, zartes Grün blüht an den Bäumen. Doch für die wartenden Pegida-Anhänger steht schon alles fest, fest wie die Rolle, in der sie sich seit jeher wiederfinden, nein, wiederfanden, bis er für sie kämpfte, ihr Mann, ihr Held: Lutz Bachmann. Und jetzt wird ihn ein Gericht wegschließen, hat ihn eigentlich schon weggeschlossen, wie sie immer ausgeschlossen werden und wurden. Ich höre den Frauen und Männern, die vor dem Eingang des Gerichts warten, zu und endlich begreife ich, wer die tausenden Menschen sind, die auch nach anderthalb Jahren jeden Montag in Dresden zusammenströmen. (1678 Wörter)
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Am 4. Dezember 1989 wird die "Runde Ecke" besetzt. Teilnehmer der Montagsdemonstration stehen staunend vor dem besetzten Gebäude. Das Foto stammt aus der Ausstellung im Museum in der "Runden Ecke"  © Thomas Victor

Tag 7: Das wichtigste politische Ereignis

Maria Schmidt-Lorenz weiß, dass ich mit ihr darüber reden will, was die friedliche Revolution mit den dauernden Protesten in Sachsen zu tun hat. Doch sie beginnt unser Gespräch mit dem Satz: „Ich sollte erst etwas über meine Lebensgeschichte erzählen.“

Die Geschichte ihres Lebens, das sind: ein dummer Spruch über die Selbsttötung eines Ministers, die Stasi-Aktionen gegen ihren Vater, die dazu führten, dass er sich umbrachte, ihr Gefühl in einem Freiluftgefängnis gelebt zu haben. Und: die friedliche Revolution, die für viele Menschen im Osten das wichtigste politische Ereignis überhaupt ist.

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Tag 4: Masse und Macht

Als die Morde des Nationalsozialistischen Untergrunds bekannt wurden, entdeckte Simone Frieder die Buchstaben, eingeritzt in die Tische ihrer Schüler: NSU. „Einige Schüler scheinen sich damit zu identifizieren“, erzählt uns die Lehrerin an einer Mittelschule eines Nachbarorts von Aue. „Es scheint, als sei das Tabu gebrochen, ausländerfeindliche Sachen zu sagen.“ 24 Stunden später applaudiere ich den rassistischen Parolen der Redner des Sternmarschs, aus Angst verprügelt zu werden, würden die anderen merken, dass ich nicht dazugehöre. (2862 Wörter)

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Aue / Tattoos und Törtchen

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Tag 3: Roy Black und Nazi-Heftchen

Der Verkäufer auf dem Altmarkt lässt die Tüte mit den Landser-Heften unter seinem Verkaufsstand verschwinden. Ein grauhaariger Mann hatte sie vorbeigebracht. Wir hatten gerade beim Bäcker gefrühstückt und Thomas wollte noch sein Soundequipment aus der Ferienwohnung holen, als er den Stand mit den Kassetten entdeckt. Costa Cordalis, Roy Black, Die Kelly Family. „So viel Zeit haben wir doch noch, oder?“, fragt Thomas. „Ein Kumpel hat Morgen Geburtstag und das ist doch das perfekte Geschenk.“(204 Wörter)

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Der Altmarkt in Aue

Tag 2: Veränderte Wahrnehmung

Ich laufe von meiner Ferienwohnung zum Bäcker. Auf dem Bürgersteig, hundert Meter vor mir, steht eine lose Gruppe von Sechzehn-, Siebzehnjährigen. Sie gucken in meine Richtung, besprechen irgendetwas, lugen wieder zu mir. Reflexhaft beginne ich die Logos und Wörter auf ihren T-Shirts zu lesen. Ich bin nicht gerade blond, im Nahen Osten und in Italien konnte ich mich als Syrer verkleidet in Flüchtlingslager schmuggeln. Checken die Jungs auf dem Bürgersteig mich deshalb aus? (176 Wörter) Weiterlesen

Aue_Sticker

Tag 1: Auf der Suche nach Koordinaten

Aue ist schön anzuschauen. Zwei Flüsse treffen sich im Ortskern, kleine Brücken geben ihnen Geleit, die angrenzenden Häuser wurden saniert, ohne ihnen die Seele zu rauben. Die Geschäfte sind inhabergeführt, heißen Rotstift Schreibwaren, Schuhmode Schädlich, No 1 Modeexpress. Nur manchmal, da drücken Skinheads ihre Zigaretten auf dem Hals eines Punks aus. (1694 Wörter)

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