Mecklenburg-Vorpommern: 30 Tage oben rechts

In Mecklenburg-Vorpommern könnte die Alternative für Deutschland (AfD) bei den Wahlen am 4. September erstmals stärkste Partei in einem Landtag werden. Ihr Programm schreit Pathos und Protest: für Heimat und Vaterland, gegen die etablierten Parteien. Wir reisen 30 Tage durch Städte und Provinz, sprechen mit Fischern und Heimatvertriebenen, Discogängern und Polen, fragen und hören zu. Die Recherche wurde ermöglicht durch ein Crowdfunding des gemeinnützigen Recherchezentrums correctiv.org.

Eine Reise durch Sachsen

Hoyerswerda 1991
Dresden, Freital, & Heidenau 2015
Clausnitz 2016

Sachsen ist eigentlich lebenswert,
aber es hat ein Problem mit braunen Mobs.

Erst waren es Spaziergänge besorgter Bürger,
dann Demonstrationen vor Flüchtlingsunterkünften,
dann kamen die Ausschreitungen.

Die gesellschaftliche Mitte
steht abseits und schweigt –
oder applaudiert.

Wir reisen einen Monat durch die neue Normalität.
Einen Monat durch Sachsen.


 

Sächsische Mehrheiten


Aus Angst vor Nazischlägern war ich aus Aue geflohen und als ich zurückkehre, ist die Angst wieder da: „Wir können Sie nicht auf der Straße interviewen“, sagt der MDR-Reporter zu mir. „Die Stadtverwaltung hat uns gewarnt, dass sie nicht für unsere Sicherheit garantieren kann.“

Ich wurde nach Aue ins Rathaus eingeladen, um bei einer öffentlichen Diskussion über die Neue Normalität und rechtes Gedankengut zu sprechen. Weißhaarige Männer werden mich beschimpfen, Nazis vor der Türe lauern. Aber als ich später wegfahre, spüre ich dennoch Hoffnung. Weiterlesen

Tag 41: Rote Linien

Wir trafen Jürgen Schulz, Kreisvorstand der Dresdner AfD, einen bedächtigen Ingenieur, höflich im Umgang, klar in der Sache. Er wäre nicht glücklich damit, sagte er im Vorgespräch, dass sich die Klimaskeptiker auf dem Parteitag der Alternative für Deutschland in Stuttgart durchgesetzt hätten. Eine rote Linie sei das für ihn jedoch nicht, so einen Parteibeschluss müsse man akzeptieren.

Im Interview versuchte ich rauszufinden, was denn dann seine roten Linien sind. Gefunden habe ich keine.

Dresden County 010

Tag 24: Hauen in Plauen

Als ich die Halle des Leipziger Bahnhofs betrete, schallt von irgendwoher ein Schrei, verstärkt durch ein Megafon: „Lügenpresse!“. Ich gucke mich um, niemand. Eine Freundin hatte mich gewarnt, allein im Zug zur Neonazi-Demo in Plauen zu fahren. Es sei zu gefährlich. Ich hielt das für Paranoia. Doch tatsächlich: Als ich auf das Gleis trete, stehen vor mir vierzig Rechte, schwarz gekleidet, Bierflasche, einer hält das Megafon in der Hand. Weiterlesen

Tag 15: Schmerzhafte Einschnitte

Er besitzt zwei Häuser, zwei Autos, seine Tage verbringt er mit Rasenmähen zwischen den Kirschbäumen seines Gartens – aber die Flüchtlinge bekommen so viel, dass den Deutschen nichts bleibt. Als der Vermieter unserer Ferienwohnung rauskriegt, dass wir Journalisten sind, will er ein Bier mit uns trinken. Und während wir auf der Terrasse sitzen und die Sonne hinter dem nahen Waldstück untergeht, zerbröselt unsere These, dass Rassismus immer etwas mit Armut und Perspektivlosigkeit zu tun hat. (646 Wörter) Weiterlesen

Tag 14: Niemand fiel ins Bergfreie

Die Wende traf Hoyerswerda hart, zehntausende Menschen verloren ihre Jobs, fast jede Familie war betroffen, viele mussten in den Westen gehen. Diese Geschichten zu hören, hatten wir erwartet. Dass es aber ganz gut abgefedert wurde, letztlich halb so schlimm war, diese Einschätzung überraschte uns. Wir hatten tiefere seelische Verletzungen erwartet. Erwartet hatten wir auch, dass es Nazis gibt. Was uns überraschte, war der schulterzuckende Umgang damit. (960 Wörter) Weiterlesen

Hoy for Life

Tag 13: Frische Blumen nur auf dem Friedhof

„Willkommen in Hoyerswerda“, schrieb der SPIEGEL 1991, „willkommen in einem bösartigen, häßlichen, dumpfen Alltag, der bösartige, häßliche, dumpfe Menschen stanzt.“ Wende, Pogrom, Depression, Hoyerswerda – der Name dieser kleinen Stadt in der Lausitz klingt bis heute wie eine der Brandflaschen, die Nazis auf die Flüchtlingsunterkunft schleuderten ­– erst zerbricht das Glas, dann lodern die Flammen, dann bleibt nichts als Kohlereste. Hier würden wir das Wende-Trauma finden, dachten Thomas und ich, die große sächsische Verunsicherung, die Ursprünge des rechten Straßenmobs. Wir haben uns geirrt. (1052 Wörter) Weiterlesen

Tag 11: Verdammt verführbar

Ein frischer Morgen dämmert vor dem Amtsgericht Dresden heran, von der nahen Elbe bläst ein Wind durch die Straße, zartes Grün blüht an den Bäumen. Doch für die wartenden Pegida-Anhänger steht schon alles fest, fest wie die Rolle, in der sie sich seit jeher wiederfinden, nein, wiederfanden, bis er für sie kämpfte, ihr Mann, ihr Held: Lutz Bachmann. Und jetzt wird ihn ein Gericht wegschließen, hat ihn eigentlich schon weggeschlossen, wie sie immer ausgeschlossen werden und wurden. Ich höre den Frauen und Männern, die vor dem Eingang des Gerichts warten, zu und endlich begreife ich, wer die tausenden Menschen sind, die auch nach anderthalb Jahren jeden Montag in Dresden zusammenströmen. (1678 Wörter)
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Tag 7: Das wichtigste politische Ereignis

Maria Schmidt-Lorenz weiß, dass ich mit ihr darüber reden will, was die friedliche Revolution mit den dauernden Protesten in Sachsen zu tun hat. Doch sie beginnt unser Gespräch mit dem Satz: „Ich sollte erst etwas über meine Lebensgeschichte erzählen.“

Die Geschichte ihres Lebens, das sind: ein dummer Spruch über die Selbsttötung eines Ministers, die Stasi-Aktionen gegen ihren Vater, die dazu führten, dass er sich umbrachte, ihr Gefühl in einem Freiluftgefängnis gelebt zu haben. Und: die friedliche Revolution, die für viele Menschen im Osten das wichtigste politische Ereignis überhaupt ist.

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Tag 4: Masse und Macht

Als die Morde des Nationalsozialistischen Untergrunds bekannt wurden, entdeckte Simone Frieder die Buchstaben, eingeritzt in die Tische ihrer Schüler: NSU. „Einige Schüler scheinen sich damit zu identifizieren“, erzählt uns die Lehrerin an einer Mittelschule eines Nachbarorts von Aue. „Es scheint, als sei das Tabu gebrochen, ausländerfeindliche Sachen zu sagen.“ 24 Stunden später applaudiere ich den rassistischen Parolen der Redner des Sternmarschs, aus Angst verprügelt zu werden, würden die anderen merken, dass ich nicht dazugehöre. (2862 Wörter)

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Aue / Tattoos und Törtchen

Tag 3: Roy Black und Nazi-Heftchen

Der Verkäufer auf dem Altmarkt lässt die Tüte mit den Landser-Heften unter seinem Verkaufsstand verschwinden. Ein grauhaariger Mann hatte sie vorbeigebracht. Wir hatten gerade beim Bäcker gefrühstückt und Thomas wollte noch sein Soundequipment aus der Ferienwohnung holen, als er den Stand mit den Kassetten entdeckt. Costa Cordalis, Roy Black, Die Kelly Family. „So viel Zeit haben wir doch noch, oder?“, fragt Thomas. „Ein Kumpel hat Morgen Geburtstag und das ist doch das perfekte Geschenk.“(204 Wörter)

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Tag 2: Veränderte Wahrnehmung

Ich laufe von meiner Ferienwohnung zum Bäcker. Auf dem Bürgersteig, hundert Meter vor mir, steht eine lose Gruppe von Sechzehn-, Siebzehnjährigen. Sie gucken in meine Richtung, besprechen irgendetwas, lugen wieder zu mir. Reflexhaft beginne ich die Logos und Wörter auf ihren T-Shirts zu lesen. Ich bin nicht gerade blond, im Nahen Osten und in Italien konnte ich mich als Syrer verkleidet in Flüchtlingslager schmuggeln. Checken die Jungs auf dem Bürgersteig mich deshalb aus? (176 Wörter) Weiterlesen

Tag 1: Auf der Suche nach Koordinaten

Aue ist schön anzuschauen. Zwei Flüsse treffen sich im Ortskern, kleine Brücken geben ihnen Geleit, die angrenzenden Häuser wurden saniert, ohne ihnen die Seele zu rauben. Die Geschäfte sind inhabergeführt, heißen Rotstift Schreibwaren, Schuhmode Schädlich, No 1 Modeexpress. Nur manchmal, da drücken Skinheads ihre Zigaretten auf dem Hals eines Punks aus. (1694 Wörter)

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Über die Reise

Eingefleischte Rechte strömten genauso auf den Theaterplatz in Dresden wie Neureiche mit Perlenohrringen. Deutschlandschals um den Hals, Deutschlandfahnen in der Hand. Es war der Jahrestag von Pegida und ich war gerade in der Ecke.

„Muslimen geht es nur um Fickerei und Gewalt und Allah weist ihnen dabei den Weg.“ Sätze wie diese wurden mit Lachen und Applaus beantwortet. Je derber die Worte, desto böser die Reaktionen. Und dann immer wieder dieser Begriff: Volk.

„Wir sind das Volk! Wir sind das Volk“

„Volksverräter! Volksverräter!“

Der Theaterplatz war ihre Wagenburg. Wir hier drinnen, stark, neuermächtigt; ihr da draußen, links-grün versifft.

Als ich nach der Kundgebung abseits des Platzes auf einem Bürgersteig stand, stürmten mehrere Skinheads die Straße runter. Sie schlugen einem Studenten neben mir mit der Faust ins Gesicht, die Wucht schleuderte ihn auf den Asphalt. Ich rannte weg.

Verstört von dem Hass und der Gewalt, die er hervorbringt, starrte ich auf der Rückfahrt aus dem Fenster. Es dauerte ein bisschen, aber dann erwischte mich die Erkenntnis, als hätte der Schlag des Skinheads auch mich erwischt: Bei Pegida geht es längst nicht mehr nur um Muslime. Es geht auch um mich und die meisten Menschen, die ich kenne.

© Bernhard Riedmann

© Bernhard Riedmann

Ich zog nach Leipzig und begann zu lesen: DDR-Geschichte, SED-Überwachung, friedliche Revolution, Wende-Trauma, Hoyerswerda. Stück für Stück wurde mir das Ausmaß meiner Ignoranz bewusst. Als 30-Jähriger, der in Bonn geboren wurde, hatte ich weder im Geschichtsunterricht viel über ostdeutsche Geschichte gelernt, noch war das Thema sonderlich präsent, als ich anfing Zeitung zu lesen. Filme wie Das Leben der Anderen bildeten die Ausnahme und der ist von einem Westdeutschen. Trotz Oscar-Erfolg und Ostalgie-Shows blieben das Randnotizen, Ostdeutschland, da klingelte nichts. Stattdessen bereitete ich mich im Studium darauf vor, aus dem Nahen Osten zu berichten, dort fand Geschichte statt.

In Syrien, Ägypten und dem Libanon, erfuhr ich, wie es ist, in einem Polizeistaat zu leben. Ich erinnere mich, wie ein kurdischer Freund in Damaskus mir im zittrigen Flüsterton von der Polizeigewalt in seinem Heimatort erzählte; wie ich drohende Anrufe eines libanesischen Generals bekam, nachdem ich über Soldaten berichtet hatte, die Flüchtlinge verprügelten.

Die Menschen in Ostdeutschland hatten ähnliches erlebt, doch die gängigen Klischees kanzelten das ganze Thema mit „fehlender Dankbarkeit“ und „Jammer-Ossi“ ab. Woher kam das? Zeitungsredaktionen sind überwiegend westdeutsch besetzt, genau wie politische Parteien und die Spitzen der Wirtschaft. Hat es damit zu tun?

Je mehr ich las und nachdachte, desto mehr fragte ich mich: Herrscht nur bei mir diese Ignoranz, oder geht das vielen so? Und was bedeutet das für unser Verständnis von Pegida und der Neuen Rechten, die so brachial und gleichzeitig leichtfüßig Sachsen übernimmt? Warum sind so viele Menschen empfänglich für rechtes Gedankengut?

Wenn ich mich mit Kollegen darüber unterhielt, sagten sie: „Lass die nicht so billig davonkommen, sei nicht so ein Sozialpädagoge. Das ist alles 25 Jahre her. Die Ostdeutschen sollen endlich mal Verantwortung für ihr Leben übernehmen.“ Ihre Antwort lautet: ausgrenzen. Andere meinten: mit den Menschen muss man reden.

© Philipp Reiss

© Philipp Reiss

Ich erzählte dem Fotograf Thomas Victor von meinen Gedanken und wir entschieden, einen Monat gemeinsam durch Sachsen zu reisen.

Antworten haben wir nicht, aber wir fahren los und stellen Fragen. Denn was in Sachsen passiert, betrifft schon längst nicht mehr nur Menschen, die aus anderen Ländern nach Deutschland kommen, nicht nur die Menschen in Ostdeutschland, sondern es betrifft auch uns und alle, die wir kennen.

Wir würden uns freuen, wenn Ihr uns ein Stück auf dieser Reise begleitet.