Tag 1: Auf der Suche nach Koordinaten

Aue ist schön anzuschauen. Zwei Flüsse treffen sich im Ortskern, kleine Brücken geben ihnen Geleit, die angrenzenden Häuser wurden saniert, ohne ihnen die Seele zu rauben. Die Geschäfte sind inhabergeführt, heißen Rotstift Schreibwaren, Schuhmode Schädlich, No 1 Modeexpress. Nur manchmal, da drücken Skinheads ihre Zigaretten auf dem Hals eines Punks aus. (1694 Wörter)

Morgens um zehn treffe ich einen Redakteur der Freien Presse, dann den CDU-Bürgermeister des Nachbarorts Beierfeld-Grünhain und dann seinen Stadtratskollegen von der Linkspartei. In Aue soll am Samstag ein großer, rechter Sternmarsch stattfinden. Ich will verstehen, warum. Die Arbeitslosigkeit ist niedrig, die Flüchtlinge fallen kaum auf, negative Vorfälle gab es nicht.

Abends um sechs habe ich alle meine Fragen gestellt: Woher kommt die bürgerliche Unterstützung für rechtes Gedankengut? Wie geht man mit der NPD um? Was haben DDR-Vergangenheit und Wende mit all dem zu tun?

Der Redakteur zeigte Verständnis für den Begriff „Lügenpresse“.

Der CDU-Bürgermeister sagte, man müsse mit der NPD reden, um sie zu entkräften.

Der Linke hielt die DDR nicht für einen Unrechtsstaat.

Ich habe alles notiert, aber begreife wenig. Ist das die Normalität hier? Vom hohen Ross bundesdeutscher Diskurse aus gesehen, scheint es wie eine verkehrte Welt.  Mir fehlt das Koordinatensystem, um das Gehörte einzuordnen. Und weil alle drei ihre Standpunkte begründeten und aus ihren Lebensgeschichten ableiteten, klingt es völlig selbstverständlich. Irgendwie alles nicht so schlimm, kann man drüber reden, muss man aber nicht, ist halt hier so. Okay.

SchwarzenbergIch laufe die drei Kilometer in den Nachbarort. Außer den „Nein zum Asylantenheim“-Stickern sieht es aus wie jedes andere Dorf. Aber Städtern fällt es immer schwer, Dörfer zu entschlüsseln. Die Gespräche haben ein ungutes Gefühl hinterlassen, aber vielleicht ticken die Uhren hier halt ein bisschen anders, so denke ich, aber das scheint ja keinen zu stören.

Kurz vor 20 Uhr treffe ich mich mit einigen Jungs, die mit selbstgeschnittenen Haaren und großen Ohrringen  auf den Sofas im Aufenthaltsraum ihres Hauses sitzen. Es ist ein linkes Wohnprojekt. Bedingung für meinen Besuch: Keine Fotos, keine Namen.

In der Ecke steht eine selbstgebaute  Bar, zwei Boxentürme, geschweißte Metallskulpturen. Ein bisschen düster, ziemlich punk, für die Jungs ihr Zuhause. Einer hat für alle Reis mit Gemüse gekocht, ein Industriegasheizer faucht. Auf dem Beamer läuft Leeroy, ein Film über einen Afrodeutschen, der von den Skinheadbrüdern seiner Freundin verprügelt wird, letztlich aber alle fertig macht.

Ich setze mich dazu, erkläre, dass ich einen Monat durch Sachsen reise, um zu verstehen, was es mit den braunen Aufmärschen auf sich hat. Sie erzählen ein bisschen über die Situation in ihrem Dorf. Wenn im Film geknutscht wird, verstummen wir. Erst als ich frage, wann sie das erste Mal Probleme mit Rechten hatten, wenden sie sich zu mir. Und ich bekomme das Koordinatensystem, um die vorigen Interviews einzuordnen:

Marko*:

„Ich war fünfzehn und hatte den Kopf voller Dreadlocks. Ich war mit einem Kumpel auf dem Dorffest und wir mussten pinkeln. Also gingen wir ein Stück und wollten dann durch diese enge Gasse. Am Ende der Gasse standen einige Leute, aber wir kannten zwei davon. Wir dachten, wir gehen einfach vorbei. Als wir vorbeikamen, machte uns einer dumm an: „Ey, ihr Zecken, wer hat meinem Kumpel den Zahn ausgeschlagen?“ Wir gingen pinkeln und als wir zurückkamen umringten sie uns. Wir standen in der Mitte und sie gaben uns reihum Backpfeifen und wiederholten immer wieder ihre Frage. Irgendwer hatte vor einer Weile einem Fascho einen Zahn ausgeschlagen. Es dauerte eine Viertelstunde. Dann alarmierte ein Kumpel die Leute auf dem Dorffest. Die ganzen Feiernden kamen, auch die Securities. Als die Securities die Atzen sahen, sagten sie nur: „Ach ihr seid’s. Okay, hört jetzt auf damit.““

Christian*:

„Ich war zwölf. Wir saßen auf der kleinen Mauer, auf der wir immer saßen. Mein Bruder, noch zwei ältere Freunde und ich. Gegenüber saßen ein paar Typen aus dem Dorf, die wir kannten. Dann kam so ein Besoffener, redete mit denen da drüben und kam dann zu uns: „Habt ihr meine Kumpels beleidigt?“, machte er uns an. „Mach das nicht noch mal oder ich mach den Hitler.“ Sein Arm war voller SS-Tattoos. Mein Bruder drückte ihn erst mal auf den Boden, was einfach war, weil der Typ so besoffen war. Es gab noch ein paar Schubsereien, dann sind wir weg. Der Typ brüllte uns noch hinterher: „Ich hol jetzt meine Kumpels!“ Zehn Minuten später kamen zwei Autos voller breiter Faschos, aber da waren wir schon nicht mehr da.“

Timo*:

„Ich war schon einundzwanzig, aber dann haben sie mich krankenhausreif geprügelt. In Chemnitz hatten sich einige Flüchtlinge geweigert, in eine Turnhalle zu ziehen, was die allgemeine Situation aufheizte. Wir fuhren hin. Die Flüchtlinge saßen vor einer Kirche und hofften, reinzukommen. Die Polizei stand nur in einer losen Kette, ließ es zu, dass die Nazis die Flüchtlinge und uns anpöbelten. Irgendwann haben sich die Nazigruppen aufgelöst. Dann ist die Polizei abgerückt und die Feuerwehr hat ihre Flutscheinwerfer abgebaut, mit denen sie den Park beleuchtet hatten. Zehn Minuten später kamen zwanzig Nazis angerannt aus so ’ner engen Gasse einer Gartensiedlung. Meine Freundin zerrte die Flüchtlingskinder in eine dunkle Ecke. Ich rannte los, um die Karre zu holen. Ein Nazi hat mich eingeholt und mir auf den Hinterkopf geschlagen. Ich bin gestürzt. Auf dem Boden habe ich meinen Arm um dem Kopf gelegt. Ich dachte, das würde reichen, ich dachte sie würden aufhören, aber dann ging es erst richtig los. Sie traten mir mehrfach gegen den Kopf. Meine Freundin sagte später es waren sieben Stück. Ich glaube, ich habe irgendwann das Bewusstsein verloren. Dann kam die Polizei und hat die Faschos verjagt. Ich stand auf, mein Gesicht war geschwollen und blutüberströmt. Statt mir zu helfen, fingen die Bullen an, mich zu befragen. Ich stand unter Schock, hab gezittert wie Sau und hab erst mal gesagt: „Gebt mit erst mal was zu Trinken und eine Kippe“, aber die haben mich einfach weiter befragt. Später kam ich ins Krankenhaus. Nachts kamen die Nazis dann noch mal wieder und haben die Fenster der Kirche mit Steinen eingeworfen. Aber gut, vielleicht waren die Leute ein bisschen frustriert, weil Chemnitz an dem Tag verloren hatte.“

Ich kann die Geschichten nicht überprüfen und es macht mich stutzig, wie selbstverständlich sie erzählen. Zwischendurch lachen sie. Aber sie erzählen flüssig, der zweite aus der engen Gasse sitzt auch mit auf den Sofas und ergänzt Details. Und der Angriff in Chemnitz hat es in die Presse geschafft:

Bei zwei Schlägereien in der Nacht zwischen rechten Demonstranten und Linken in Markersdorf  gab es einen Leichtverletzten (24). Drei Männer (16, 18, 21) mussten sogar ins Krankenhaus. Die Polizei stellte einen Angreifer (34) fest.

Im Dorf werden die Jungs täglich angepöbelt, auf der Arbeit trauen sie sich nicht, ihre Meinung zu sagen. Der Konsens steht auf der anderen Seite.

 

Nein zum Asylantenheim-Sticker Aue

 

Auch der Redakteur der Freien Presse, Mario Ulbrich, sprach über den Konsens. Wir saßen in einem Café und über meine Fragen zur Geschichte von Aue kamen wir schnell zu seinem Leben. Vor der Wende arbeitete er als Redakteur für die Betriebszeitung des Grünhainer Elektromotorenwerks. In den letzten Tagen der DDR rechneten die Mitarbeiter mit der Werksleitung ab, sie verlangten bessere Arbeitsbedingungen. Es war die Zeit der Glasnost. Als Ulbrich die Beschwerden so aufschrieb und veröffentlichte, statt es im Namen des Sozialismus zu schönen, bekam er einen Anruf aus der Propaganda-Abteilung: „Herr Ulbrich, über diesen Artikel sprechen wir noch!“ Zu dem Gespräch kam es nicht mehr.

„Aber was hätten sie auch machen sollen?“, sagte Ulbrich. „Eine Rüge oder eine Versetzung, mehr nicht. Aber Heute, mit dieser Political Correctness, die ist genauso schlimm wie die Propaganda und die Denkverbote in der DDR. Vielleicht sogar schlimmer, denn da werden Existenzen vernichtet.“ Vom Thema Political Correctness kam er zur Lügenpresse. Die meisten Journalisten seien links und würden auch entsprechend berichten, einseitig, selektiv.

Da sei der Begriff angemessen. Er sagt, er berichtet neutral.

Bürgermeister Joachim Rudler
Bürgermeister Joachim Rudler

Mit  Bürgermeister Joachim Rudler bin ich später rumgefahren, er hat mir die vielen Betriebe in seinem Ort gezeigt. Viel gesunder Mittelstand, viele gute Arbeitsplätze. Flüchtlinge aufzunehmen versteht er als kommunale Pflicht. Dafür haben ihm Mitglieder der rechtsradikalen Identitären Bewegung den Eingang zum Rathaus zugemauert. Unbekannte haben die Weinreben auf seinem Weinberg abgeschnitten. Solange bei der NPD jedoch nur dumme Schläger seien, seien die nicht gefährlich.

Er selbst hatte zuvor das Gespräch auf 1933 gelenkt. Jetzt verlor ich die Geduld und konfrontierte ihn damit. Er tat das ab: „Der Mensch will immer einen, der vorne läuft und ihnen sagt, wo es lang geht.“

Der linke Stadtrat sagte später: „Ich glaube, dass viele mit einer sehr festen Ordnung sehr gut leben können.“

Abends im Jugendzentrum frage ich, wann denn der letzte Zug zurück nach Aue fährt. Fährt keiner mehr. Doch glücklicherweise wird Stephan* von seiner Mutter abgeholt und die beiden nehmen mich im Auto mit. Stephan ist der mit den Zigaretten auf dem Hals. Er war Skateboardfahren, als fünf, sechs Rechte ihn angingen. Erst zwangen sie ihn Liegestützen „für den Führer“ zu machen, dann zerbrachen sie sein Skateboard, dann verbrannten sie ihm den Hals. Einen der Angreifer kennt er. Er sei jetzt bei den Identitären, sein Vater Polizist.

Stephans Mutter sagt ihre Meinung schon lange nicht mehr öffentlich. Aus Angst. Auch auf Familienfeiern hält sie sich zurück, damit es keinen Streit gibt. „Mir graut es vor dem Sternmarsch am Samstag. In meiner Nachbarschaft wohnen Nazis und die Demo geht genau an unserem Haus vorbei. Ich habe schon überlegt, Wasserbomben zu werfen. Aber das wäre Selbstmord.“

Die beiden setzen mich im Zentrum von Aue ab und ich laufe zu meiner Ferienwohnung. Die Prügelgeschichten hallen nach. Mein Fotograf Thomas wartet auf einen Rückruf, aber das Gehörte muss sich erst mal setzen. Die Gespräche am Morgen waren ungreifbar gewesen. Alte Männer verteidigen ihr Handeln, relativieren die Zustände. Mit Sicherheit nicht aus Bösartigkeit, vielleicht einfach, weil sie durch ihre Erfahrungen zu diesen Schlüssen gekommen waren. Aber die Gespräche auf den Sofas führen mir vor Augen, wohin das führt.

Dreadlocks tragen, Schläge.

Flüchtlingen helfen, Schläge.

Skateboard fahren, Schläge.

Zurück in meinem Zimmer blitzt ein Wort in meinem Kopf auf: Neukölln. Der Berliner Stadtteil gerät immer wieder wegen Gewalt in die Schlagzeilen. Über das Erzgebirge liest man nie. Und dann kommt der Gedanke: Was, wenn die Nazis nicht Deutsche wären, sondern Muslime?

 

* Namen geändert

 

 

 

3 Kommentare

  1. Alles sehr interessant – sie sollten ihre nächste Reise vielleicht nach Neukölln machen! Ich habe fünf Jahre in Thüringen gelebt und bin nun seit sechs Jahren in Neukölln. Es war schon verwunderlich wie viel Engstirnigkeit, Frustration und rohe Gewalt ich zwischen Weimar und Erfurt erleben durfte. In Neukölln hingegen fühle ich mich entgegen des bundesweiten Stereotyps (als deutscher mit dunklen Haaren) so sicher und willkommen wie man es sich nur wünschen kann…

  2. Aue vor 25 Jahren: Unsere damalige Klasse zu Besuch bei unserer ehemaligen Partnerschule aus Aue. Am Abend wurde eine Schuldisco veranstaltet. In der Schule waren die Meinungen und Ausprägungen relativ gemischt (auch wenn bedeutet mehr Jugendliche mit eindeutigen Symbolen anwesend waren, als wir es gewohnt waren). Wir haben uns so weit alle gut verstanden.
    Als wir schließlich zum Bus gegangen sind, wurden wir von gut 25 Nazis mit eindeutigen Parolen erwartet. Die wurden wohl wegen vorallem durch unsere farbige Mitschülerin auf den Plan gerufen. Wir haben es glücklicherweise in den Bus geschafft, bis uns der Mob erreichte. Dennoch war das eine gespenstische Szene.
    Wir haben damals auch gar nicht verstanden, wie gefährlich die Situation war und was alles hätte geschehen können. Es war reines Glück, dass das „nur“ viele Maulhelden vor dem Bus standen aber niemand, der den ersten Schritt zu einer gewalttätigen Auseinandersetzung gemacht hat.

    Der rassistische und faschistische Gedanke ist schon lange in den Köpfen vieler Menschen in weiten Gebieten Sachsens vertreten und wird durch die bürgerliche Mitte dort stillschweigend hingenommen und sogar verharmlost. Der geistige Krebs wuchert dort seit Jahrzehnten ungehindert. Es wundert mich nicht, dass solche Gruppierungen wie in Dresden, deren Namen ich nicht einmal schreiben möchte, genau dort ihren Ursprung nahmen und nur regional noch eine gewisse Bedeutung haben.

    Um keinen falschen Eindruck entstehen zu lassen: ich mag die Sachsen. Meine Freundin und viele andere Freunde und Bekannte stammen und wohnen in Sachsen.

Kommentar hinterlassen

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.