Tag 42: Spaß in der Stadt

Gut laufen würde es in Coswig und anderswo in Sachsen, stand in der Email, und: Kommt doch mal vorbei. Wir verbrachten einen Tag in dem Ort bei Dresden und lernten, warum mancherorts die Stimmung kippt – oder auch nicht.

Als die Flüchtlingszahlen vor anderthalb Jahren in Coswig begannen zu steigen, fürchteten sich viele Frauen vor Vergewaltigern, Geschäftsleute sorgten sich um steigende Diebstähle, andere wollten einfach keine Flüchtlinge als Nachbarn. Die Stimmung im Ort drohte zu kippen. Und dann versuchte auch noch der rechte Heimatschutz Meißen davon zu profitieren und rief im November 2015 zur Demo gegen die Flüchtlinge auf. Andernorts war dieser Mix in Pogromen geendet.

„Beim ersten Mal waren wir verunsichert“, sagt Christiane Matthé auf dem Balkon ihrer Wohnung. Auf dem Arm trägt sie ihren vierwöchigen Sohn. „Werden da jetzt tausend Demonstranten stehen, wie in Freital?“ Matthé und ihr Lebenspartner Sven Böttger sind die Gesichter der Willkommensinitiative Coswig Ort der Vielfalt und halfen, den Gegenprotest zu organisieren.

Sven Böttger und Christian Matthé in ihrem Wohnzimmer in Coswig
Sven Böttger und Christian Matthé in ihrem Wohnzimmer in Coswig

Bei der ersten Demo kamen 300 Flüchtlingsfeinde. Auf der Gegenseite standen genauso viele Menschen. Dann kamen nur noch 70 Rechte, die andere Seite hielt die ursprüngliche Größe. Beim dritten Mal waren es mehr Polizisten als Rechte.

Warum aber ist Coswig nicht gekippt, so wie viele andere Orte rund um Dresden?

„In so einem Ort ist der Bürgermeister jemand, wo die Leute gucken: ‚Was macht der?’“, ist Böttgers Antwort.

Der Bürgermeister von Coswig ist der parteilose Frank Neupold. Sein Credo: „Die Lokalpolitik ist dazu da, damit das Leben in der Stadt Spaß macht.“ Er ist ein unaufgeregter Typ, der Linken zu rechts und Rechten zu links scheint, sich für Flüchtlinge engagiert und trotzdem froh wäre, wenn sie gar nicht erst gekommen wären. Denn er weiß, dass sie nicht freiwillig hier sind und solche Veränderungen immer für Ärger sorgen. Aber er weiß auch, dass sich solche Probleme ausräumen lassen, bevor sie entstehen. Eine Erfahrung, die er in Jahrzehnten als Chef der örtlichen Wohnungsbaugesellschaft gemacht hat.

„Im Mietwohnungsbau gibt es immer zwei große Probleme. Entweder die Mieter können nicht bezahlen, oder die Nachbarn passen von ihrem Lebensstil nicht zusammen“, sagt Neupold. Letzteres war die große Angst im Bezug auf die Neuankömmlinge. Doch so wie Neupold in den Plattenbauten Probleme löste, so geht er es auch als Bürgermeister an: mit den Leuten reden, Probleme angehen, bevor sie eskalieren.

Im Januar 2015 rief er die Bürger in seiner Neujahrsansprache auf, den ankommenden Flüchtlingen zu

Bürgermeister Frank Nupold
Bürgermeister Frank Neupold

helfen. Ein Kirchenkreis, der schon in der Wendezeit aktiv war, trat wieder zusammen. Die Freiwilligen organisierten ein Patenschaftsprogramm, in dem je ein Coswiger eine Flüchtlingsfamilie betreute. Oft ging es um einfache Fragen: Wie wird der Müll getrennt? Wo wird die Wäsche richtig aufgehängt? Wer putzt das Treppenhaus?

„Bleiben solche Fragen ungeklärt, kommt es zu Konflikten“, sagt Böttger. So aber bekamen die Flüchtlinge die Chance, sich mit ihren Nachbarn anzufreunden, und die gaben ihrerseits ihr Bestes, trugen Einkäufe, waren extra freundlich im Umgang. „Oft hieß es schon nach drei Wochen, dass es keine Probleme mit den Neuen gibt.“

Zusätzlich organisierten die 170 Freiwilligen Sprach- und Fahrradsicherheitskurse und, um all das finanzieren zu können, drei Benefizkonzerte, bei denen sie 10.000 Euro einnahmen. Bürgermeister Neupold übernahm die Schirmherrschaft, half mit Sachspenden. Auch die Kirchen und der Stadtrat standen geschlossen hinter den Aktionen.

Und als die befürchteten Probleme im Ort ausblieben, der Müll getrennt und die Wäsche richtig aufgehängt war, verstummten auch die Kritiker. Sie motzen immer noch über Angela Merkels Entscheidung, die Flüchtlinge ins Land zu lassen, aber sie erkennen die Arbeit des Bürgermeisters und der Freiwilligen an.

„Wenn ich vor einem halben Jahr Nachbarn auf der Straße traf, dann verstummten schon mal die Gespräche“, sagt Neupold. „Und es gibt auch immer noch Kritiker. Aber wir haben als Stadt dazu gewonnen, weil wir jetzt wissen: Wir können so etwas.“

 

 

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