Tag 11: Verdammt verführbar

Ein frischer Morgen dämmert vor dem Amtsgericht Dresden heran, von der nahen Elbe bläst ein Wind durch die Straße, zartes Grün blüht an den Bäumen. Doch für die wartenden Pegida-Anhänger steht schon alles fest, fest wie die Rolle, in der sie sich seit jeher wiederfinden, nein, wiederfanden, bis er für sie kämpfte, ihr Mann, ihr Held: Lutz Bachmann. Und jetzt wird ihn ein Gericht wegschließen, hat ihn eigentlich schon weggeschlossen, wie sie immer ausgeschlossen werden und wurden. Ich höre den Frauen und Männern, die vor dem Eingang des Gerichts warten, zu und endlich begreife ich, wer die tausenden Menschen sind, die auch nach anderthalb Jahren jeden Montag in Dresden zusammenströmen. (1678 Wörter)

Es ist sieben Uhr morgens, der Prozess gegen Bachmann beginnt in drei Stunden. Er soll Flüchtlinge auf Facebook als „Viehzeug“, „Gelumpe“ und „Dreckspack“ bezeichnet haben. Die Staatsanwaltschaft wirft ihm Volksverhetzung vor. Der Gerichtssaal fasst nur einige Dutzend Besucher, wer rein will, muss früh kommen. Und die Handvoll Leute, die da neben mir steht, will rein, denn wer Lutz Bachmann angreift, greift auch sie an. Aber wer sind sie, frage ich mich.

Es dauert noch eine Stunde, bis das Gerichtsgebäude öffnet, was mir Zeit gibt, die Menschen zu betrachten. Da ist die Frau Ende fünfzig mit schlecht sitzender Hose, Brille und einem gold-grauen Haarband. Ihr Blick schießt gerade heraus, trifft jeden, der ihr nicht passt, was umso mehr auffällt, weil ihre Haltung merkwürdig gebeugt ist. Ihr gegenüber steht ein Mann, adrett gekleidet wie aus dem Katalog eines Kaufhauses, dessen Blick sich nach jedem seiner Sätze über die Gesichter der Anderen tastet, suchend nach ihrem Nicken. Oder ein anderer Mann, ein Lautsprecher im Jackett, der seinen Sätzen ein nervöses Lachen hinterherschickt und wichtigtuerisch eine Mappe unter dem Arm trägt.

Was verbindet sie, frage ich mich und stelle mich in ihre Nähe. Sie anzusprechen hat keinen Zweck. Ich versuche es später, aber nach drei Sätzen wird mein Gesprächspartner angezischt: „Redest du da mit der Presse?“ Ich höre stattdessen zu, um die Fäden zu entdecken, die sie zwischen sich spinnen.

Die Gruppe, die da steht, kennt sich schon von den montagabendlichen Demos. Doch ihr Gespräch ist kein Wie-geht-es-Ihnen oder Was-haben-Sie-letzte-Woche-gemacht, sondern ein Sturm der Empörung, der augenblicklich losbricht und auch nach anderthalb Jahren Protest alles mitreißt:

„Die Amerikaner bombardieren den Irak und uns rennen die Flüchtlinge die Grenzen ein.“

„Ich war früher oft in der arabischen Welt, ich weiß, wie die ticken. Wenn die nicht weiter wissen, kennen die nur eins: beten.“

„Ich habe jetzt gelesen, was wirklich im Kuwait-Krieg passierte. Aber die Presse verschweigt uns das.“

Ihr einhelliges Urteil über die Anklage gegen Bachmann: Das Urteil steht schon fest, das ist eine Vorverurteilung, ein Schauprozess, schlimmer als in der DDR.

Ich bewundere ihre Fähigkeit, sich zu empören, wünschte mir bei meinen wohlstandssatten Freunden manchmal den gleichen Elan. Aber warum diese Fixierung auf Flüchtlinge, Amerika, den Nahen Osten? Hat sie das auch schon vor Pegida bewegt? Oder schimpfen sie über das Eine und meinen etwas Anderes?

Eine Stunde später geht die Tür des Gebäudes auf. Peinlich genau achten die Männer und Frauen darauf, in der Reihenfolge reinzugehen, in der sie morgens angekommen sind. Im großen Wartebereich im ersten Stock eilen Justizbeamte in blauen Uniformen umher, vor den großen Fenstern protestieren einige wenige Linke. „Solche Witzfiguren“, sagt ein Mann und schüttelt verächtlich den Kopf.

Die übrigen Pegida-Gänger stehen in einer Reihe vor dem Gerichtssaal, als jemand sie anspricht: „Es dürfen keine Taschen und keine Handys mit in den Gerichtssaal genommen werden.“ Schließfächer oder Garderobe gibt es nicht. Der Lautsprecher mit der wichtigtuerischen Mappe reckt sie stolz empor: „Haha! Deswegen habe ich nur die hier mitgenommen!“ Bei den Übrigen findet ihre allgemeine Empörung einen konkreten Gegner. Es sei ja eh schon eine Frechheit, dass es so wenige Besucherplätze gäbe und jetzt das noch.

Aus der Empörung erwächst latente Aggresivität, als eine Gruppe Schulkinder mit ihren Ranzen die Treppe hochkommt und im Wartebereich stehen bleibt. Die Frau mit dem gold-grauen Haarband dreht sich um, ihr Blick schießt in die Richtung der Drittklässler, sie presst hervor: „Wenn die jetzt ihre Taschen mit rein dürfen, dann..!“ Die Schulkinder stehen einfach nur da, außer Hörweite, aber ich erstarre kurz: Woher kommt dieses fehlende Vermögen, anderen etwas zu gönnen, Schulkindern, die mit großen Augen in den Warteraum gucken, etwas zu gönnen? Was wurde diesen Menschen weggenommen, wie oft müssen sie verletzt worden sein?

Ich blicke die Pegida-Frau an und dann rüber zur Klasse und auf ein Mal schieben sich die beiden Bilder übereinander und ich begreife, woher die gebückte Haltung der Frau kommt, der bestätigungsheischende Blick des einen Mannes, das nervöse Lachen des anderen, ich begreife, was sie alle verbindet: Sie sind die, die ausgeschlossen wurden, die in der Schule wegen ihrer Brillen verspottet, im Berufsleben übergangen und von Politik und Gesellschaft ignoriert wurden.

Vor meinem inneren Auge erscheint das Bild des Schülers, der bei der Teamwahl im Sportunterricht als Letzter noch auf der Bank sitzt. Jetzt bei Pegida, wie früher in der Schule, bilden sie eine Clique. Sie waren nicht die Hip Hop-Freunde oder die Make-up- und Haare-Freunde, oder die Raucher-Freunde, die alle irgendein Lifestyle verband. Die Menschen im Gericht verbindet nur, dass sie nicht zu den anderen Cliquen gehören dürfen. Deshalb passen sie äußerlich auf den ersten Blick auch nicht zusammen.

Jetzt beim Schreiben fühle ich mich unwohl damit, die Menschen so zu reduzieren und in eine Ecke zu stellen. Aber wenn ich die Pegida-Demo am Vortag Revue passieren lasse, dann war auch dort mein Gedanke: Die Durchschnittsleute, jene, die ich bei meinem ersten Text über Pegida noch als „das bürgerliche Publikum, das mit den neuen Mänteln und Perlenohrringen“ beschrieb, fehlen mittlerweile. Es kommen nur noch eingefleischte Rechte mit dicken Oberarmen und diese bunte Menge der Außenseiter.

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Im Gerichtssaal setze ich mich in die Reihe hinter der Gruppe. Um kurz vor zehn beginnt der lang erwartete Auftritt Bachmanns und das Bild von den Außenseitern bekommt eine weitere Facette. Wenn man einmal ein Erklärungsmuster für sich gefunden hat, sucht man gerne Argumente, um es zu stützen. Aber in den nächsten Stunden vervollständigt sich das Bild wie von alleine.

Bachmann trägt eine lässige Jeansjacke über gut geschnittenem blauen Hemd, seine Ehefrau einen langen, grauen Mantel, wie die junge Schöne aus einem dieser ZDF-Vorabendfilme über eine Adelsfamilie und die seichten Verwerfungen ihres Lebens. Doch dazu tragen sie große, schwarze Sonnenbrillen wie Zensurbalken vor den Augen und machen klar: Ihr Justizfutzis könnt uns nichts. Wir sind gekommen, um zu kämpfen, für uns und unsere Fans. Und die Fans danken mit lautstarkem Applaus.

Ich lausche weiter den Gesprächen. Die Frühaufsteher sind allesamt mit den Bachmanns auf Facebook befreundet. Sie haben sie nie persönlich getroffen, aber verfolgen ihr Leben wie das der Royal Family.

„Vicky sieht aber toll aus“, sagt eine.

„Aber sie ist ganz schmal geworden“, antwortet eine Frau im Rollstuhl, die neu dazu gekommen ist.

„Meinst du wegen der Arbeit?“

„Ich weiß nicht. Aber das muss ja für sie alles furchtbar schwer für sie sein. Hast du ihre Hochzeitsfotos gesehen? Da sahen sie toll aus.“

Die Bachmanns leben das Leben, das ihre Fans nie hatten. Urlaub an exotischen Stränden, große Liebe, Rebellion. Und jetzt setzen sie sich für ihre Fans ein, geben ihnen das Gefühl, Teil von etwas zu sein, rächen die zahllosen Verletzungen. Jeden Montag und jetzt hier im Gerichtssaal.Dresden Bachmann Prozess 2

Eigentlich, denke ich, kann ich das alles nachvollziehen. Warum auch nicht, jeder kennt solche Gefühle. In jedem Buch, jedem Film erlebt ein Held Abenteuer, die wir nicht erleben, kämpft eine Heldin für Gerechtigkeit, wie wir es nicht können. Aber als die erste Zeugin vernommen wird, wird mir klar, warum mir die Pegida-Anhänger trotzdem so unsympathisch sind.

Nach der Feststellung der Personalien wird Susanne K. als erste Zeugin aufgerufen. Eine übergewichtige, gutmütige Frau, die ihren Mut zusammennimmt und vorne Platz nimmt. K. war mit Lutz Bachmann auf Facebook befreundet. Sie postete einen Artikel, der um Verständnis für Flüchtlinge warb, Bachmann kommentierte und nutzte die Worte „Viehzeug“, „Gelumpe“, „Dreckspack“. Später, als Bachmann Pegida-Führer wurde, gab er ein Fernseh-Interview und sagte, dass er nichts gegen „ausländische Mitbürger“ habe. K. sah das Interview, die Heuchelei machte sie wütend. Sie schickte Bachmanns Facebook-Kommentare einem Journalisten, der sie an die Staatsanwaltschaft weiterleitete.

Als K. befragt wird, wie sich Bachmann sonst so auf Facebook verhalten habe, um zu klären, warum seine Profile häufiger gesperrt wurden, sagt sie: „Na, der hatte da oft Streit mit Anderen. Zum Beispiel hat er manchmal Fotos aus dem Urlaub gepostet. Bilder von dicken Frauen am Strand. Und in seinen Kommentaren hat er sich über sie lustig gemacht.“

Die Frau, die die Schulklasse kommentiert hatte und die im Rollstuhl echauffierten sich seit Anfang der Vernehmung über K. Jetzt zischt erstere: „Aha! Die macht das alles nur, weil sie selbst fett ist!“ Die weiteren Reaktionen schlagen in die gleiche Kerbe. Augenrollen, Gott-ist-die-dumm-Sprüche, hämisches Lachen aus der ganzen Reihe vor mir.

Daher kommt also mein Unwohlsein gegenüber Pegida-Leuten. Es ist nicht nur ihr Rassismus und die zu scharfe Polemik gegen alle Andersdenkenden, es ist das Treten nach unten. Sie sind die Abgehängten und um sich stark zu fühlen, suchen sie sich ihre Opfer unter den noch Schwächeren. Die übergewichtige, unsichere Frau im Zeugenstand, die Gegendemonstranten, die immer viel weniger Menschen auf die Straße kriegen, als sie selbst, die Flüchtlinge.

Später, als Bachmann weg ist, der Richter und Staatsanwalt weg sind, die Kamerateams und Gegendemonstranten weg sind, sitze ich auf den Treppenstufen vor dem Gerichtsgebäude.

Nur einige Grüppchen Pegida-Anhänger, die den ganzen Tag protestiert haben, wollen nicht gehen. Zehn Meter von mir entfernt stehen drei Frauen mit ausgebeulten Hosen, ausgeblichenen Jacken und warmen Wollmützen. Es ist 16 Uhr, für alle war es ein langer Tag, aber die Drei schreien sich ihre einhellige Meinung immer noch so laut ins Gesicht, dass ihre Worte klar bei mir ankommen. „Merkel…diese schreckliche Frau…ja, was tut die da…ich war nie ausländerfeindlich.“

Irgendwann, als man in der Schule älter wurde, fing man an, die Außenseiter zu mögen. Sie waren anders, machten ihr eigenes Ding und waren deshalb irgendwie cool. Aber wie sie hier bei Pegida als Gruppe auftreten, machen sie mir Angst, denn sie sind so verdammt verführbar, wenn man ihnen Gemeinschaft anbietet.

2 Kommentare

  1. Ich habe bisher alle Posts mit grossem Interesse verfolgt und bin noch immer Fan dieser Serie, aber jetzt möchte ich mich doch einmal kurz äussern.
    In diesem Falle hinken die Vergleiche stark. Sicherlich sind das Ihre Beobachtungen und nicht meine, aber die Schlussfolgerungen, die Sie daraus ziehen, kritisiere ich. Und natürlich habe auch ich nur persönliche Erfahrungen anzubieten, die – ebenso – der Situation nicht gerecht werden können.
    Ich stimme Ihnen zu, dass Menschen, die sich rechten Bewegungen anschliessen, häufig Enttäuschungen oder Ausgrenzung erlebt haben könnten. Es auf Letztere zu reduzieren halte ich aber für problematisch. Ich kenne viele Menschen in meinem Umfeld, die Ausgrenzung (oder fehlende Erfolge) in der Schule, auf der Arbeit, in familiären Kreisen etc. erlebt haben. Und klar, solche Erfahrungen wirken sich immer auf einen Menschen aus. Aber keiner meiner Bekannten mit diesen Erfahrungen hat sich in meiner Gegenwart oder auf mir zugänglichen Seiten in sozialen Netzwerken positiv zu Bewegungen wie Pegida oder negativ zur aktuellen Flüchtlingssituation geäussert. Auf der anderen Seite kenne ich viele Menschen, die (soweit es mir bekannt ist!!) relativ wenige Hindernisse hatten, sich erfolgreich in ihrem sozialen Umfeld integriert haben, einen relativ hohen Bildungsstand und Erfolg im Beruf haben und gleichzeitig diskriminierende, ausländerfeindliche und undifferenzierte Aussagen tätigen. Ja, vielleicht haben Menschen, die sich ausgegrenzt oder unzufrieden fühlen, eine Tendenz, sich extremistischen Gruppierungen anzuschliessen. Aber es gibt sicherlich genügend andere Einflüsse, eine generelle Beeinflussbarkeit, ein Umfeld mit entsprechenden politischen Gesinnungen oder Frustrationen, fehlende Reflektierheit, oder ein Unbewusstsein gegenüber den Auswirkungen von Diskriminierung von Hetze.
    Es hier auf die ewigen Aussenseiter zu schieben und den Schulvergleich anzuführen halte ich dagegen ehrlich gesagt für etwas vorschnell. Das wollte ich nur von meiner Seite einmal loswerden.

    1. Liebe/r G.

      vielen Dank für deinen Post.
      Sicherlich hast du mit deinen Feststellungen Recht – es gibt keinen Kausalzusammenhang zwischen Außenseitertum und menschenfeindlichen Einstellungen. Und ich habe bezüglich dieses Texts schon mehrfach Kritik hören müssen, ich war sicherlich in einigem vorschnell. Dennoch habe ich es so stehen lassen, weil das mein Eindruck von diesem Tag war. Dass dieser etwas verkürzt und hart in der Beurteilung war, das ist mir mittlerweile bewusst geworden.

      Schönen Gruß,

      Raphael Thelen

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