Furcht und Angst

Eben saß ich im Zug einer Pädagogik-Studentin aus Freiburg gegenüber und wir kamen ins Gespräch. Nach der Schule machte sie eine Ausbildung als Gymnastiklehrerin, arbeitete im Anschluss in einem Schwarzwälder Spa-Hotel, kündigte dann jedoch nach einem halben Jahr, weil sie nicht jedes Wochenende arbeiten wollte und begann  ihren Bachelor. Typisches Generation Y-Ding: Wenn die Arbeitszeiten nicht stimmen hau ich ab und was lernen ist immer gut.

Im Gebäude neben ihrer Fakultät gibt es ein Willkommenscafé, sie hospitiert in einer Deutschklasse für Flüchtlinge, jeden Tag fährt sie mit ihrem Fahrrad durch den Park, in dem im Oktober die Studentin Maria L.  vergewaltigt und ermordet wurde.

Das alles erzählte sie mir, nachdem ich sie gefragt hatte, was sie als schlimmer empfunden habe: Die Wahl Trumps, oder den Mord. Ihre Antwort lautete: Trump.

Sie wusste, dass die Antwort, wenn nicht widersprüchlich, so doch überraschend ist und hatte darüber nachgedacht: Irre Mörder habe es schon immer gegeben, sagte sie, an Trump jedoch ängstigt sie, dass sie nicht weiß, was auf sie zukommt, das Unbestimmte, Unfassbare.

Kierkegaard hat diesen Unterschied zwischen Furcht und Angst als erster auf den Punkt gebracht (steht in diesem Buch): „Man findet den Begriff Angst kaum jemals in der Psychologie behandelt, ich muß deshalb darauf aufmerksam machen, dass er gänzlich verschieden ist von Furcht und ähnlichen Begriffen, die sich auf etwas Bestimmtes beziehen, während Angst die Wirklichkeit der Freiheit als Möglichkeit für die Möglichkeit ist”

Soll heißen: Furcht richtet sich immer auf einen Gegenstand. Angst hingegen gilt nichts Bestimmtem, sondern etwas Unbestimmtem. Angst tritt auf, wenn die Welt ihre Vertrautheit verliert, wenn sich die Achsen verschieben und man die Orientierung verliert.

Was ich im Gespräch mit der Studentin bezeichnend fand: Besonders ängstigt sie der Gedanke, mithilfe von Big Data, Psychometrik und sozialen Medien manipuliert zu werden. Anfang Dezember argumentierte ein Artikel, dass Trump die Wahl auf diese Weise gewonnen habe. Der Artikel ist in den nachfolgenden Tagen kritisiert und teilweise widerlegt worden, aber das Gefühl bleibt, dass wir die Machtverhältnisse in den sozialen Medien, in denen wir einen großen Teil unseres Lebens verbringen, nicht durchblicken, dass wir dort Gefahren ausgeliefert sind, die wir nicht kennen.

Und so ist es auch im Fall von Trumps Erfolg, der Studentin und mir: dass so viele Menschen so hasserfüllt und wütend sind, hatten wir nicht auf dem Schirm, wir waren überzeugt, dass mehr oder weniger Konsens über Minderheitenrechte bestünde. Trump packt diese Überzeugungen und bricht ihnen das Genick und wir haben noch keine Ahnung, was das alles bedeutet. Aber es macht Angst.

 

 

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